Alle lügen. Nur der Blaubär nicht

 

 

 

Käpt’n Blaubär, der bekanntlich schon auf allen Weltmeeren war, erzählt: „Da war ich doch gerade zufällig unterwegs mit ner ganzen Ladung Eulen, die ich nach Athen bringen sollte, und da … plötzlich … passierte es …“

 

„Ja, was denn?“, wollen die drei kleinen Bärchen wissen. „Los weiter! Erzähl! Sonst machen wir die ganze Nacht Rabatz!“

 

Der alte Bär muss noch ein bisschen überlegen. „Ja, Rabatz … genau. Das war’s. Da gab es Rabatz.“

 

Richtig. Davon haben wir schon gehört. Es war in den Nachrichten. Es wurde sogar ein Blutbad befürchtet. Und zwar in Kos. Die Meldungen überschlugen sich geradezu. Kos sei die „Hölle auf Erden“, fand Claudia Roth, die gerade zufällig mit ner ganzen Ladung Mikrofone unterwegs war … (nein, in Wirklichkeit war sie extra angereist, um sich das Flüchtlingselend aus der Nähe anzusehen). Nun war ich auch da und habe es mir angeguckt.

 

Mit gemischten Gefühlen. Ich mochte keiner von diesen Touristen sein, die Wäschestücke von Flüchtlingen fotografieren, die zum Trocknen über den Zelten aufgehängt waren. Na, gut. Dann habe ich eben nicht fotografiert, was jedoch nichts daran geändert hat, dass ich auch nur ein Tourist war.

 

Gerade wurde eine Demo vorbereitet. Etwa vierzig oder fünfzig dunkelhäutige Männer mit T-Shirts, auf denen irgendetwas von „Türkiye“, „Istanbul“ oder „Che Guevara“ stand (vermutlich Kleiderspenden) übten Sprechchöre ein, die ich nicht verstand. Es wirkte ein bisschen wie eine improvisierte Party oder wie eine Sportveranstaltung. Jemand brachte Filzstifte und einen Pappkarton, der zerrissen wurden. PLEASE HELP wurde auf die Pappen geschrieben oder WE WANT PAPER.

 

Eine Gruppe von Frauen hielt sich etwas abseits, sie signalisierten mir sofort, dass sie Christen seien, was man schon daran erkennen konnte, dass sie Amulette und kleine Kreuze umgehängt hatten, die sie mir entgegenhielten, als wollten sie einen Vampir abweisen. Als ich ihnen versicherte, dass ich auch Christ bin, wirkten sie erleichtert. Wir konnten uns kaum verständigen. Sie konnten nur „Syria very bad“ und „Islam very bad“ sagen. Sie wollten weiter in die Niederlande.

 

Nun wurden die beschrifteten Pappen hochgehalten. Es wurden Fotos gemacht. Vielleicht hätte ich doch mein Handy zücken und ebenfalls fotografieren sollen. Denn das war offenbar gewünscht. Außer den Touristen, die – wenn gerade wieder ein Vergnügungsschiff angelegt hatte – in lockeren Gruppen auftraten, die nicht viel kleiner waren als die Gruppe der Demonstranten, war niemand da, der das dokumentieren wollte. Keine Presse. Kein Kamerateam. Keine Polizei. Dann mussten die Demonstranten eben selber ran und Selfies machen.

 

Auf einem Bild ist kein Platz für das ganze Elend, für die ganze Not – für die ganze Wahrheit. Als ich mir später am selben Tag die Mosaikfußböden der berühmten römischen Villa ansah, kam ich mir vor wie jemand, der flach auf dem Boden liegt und nur ein oder zwei verblasste Steinchen vor Augen hat. Mehr kann ich nicht sagen. Mehr weiß ich nicht. Ich habe nur ein bisschen was herausgekriegt: Die Männer, die demonstrierten, waren aus Pakistan, einige von ihnen aus Afghanistan. Die Familien wiederum waren aus Syrien. Sie bildeten zusammen die Gruppe der Flüchtlinge, aber sie gehörten nicht zusammen.

 

Noch etwas habe ich herausgefunden: Zehn der großen Hotels auf Kos haben sich abgesprochen: Sie liefern abwechselnd Malzeiten für die Flüchtlinge – wohlgemerkt: keine Reste, sondern Malzeiten wie für die zahlenden Touristen. Darüber hinaus helfen die Animateure und Sportlehrer und bringen auf eigene Faust alles an Obst, Wasser und Brot zu den Flüchtlingen, was sie auftreiben können. Auch die Griechen helfen mit kleinen Spenden – sei es in der Größenordnung von fünf Euro – auch wenn sie nicht wissen, wie es mit ihnen selbst und mit ihrem Griechenland weitergehen soll.

 

Schließlich habe ich auch ein Selfie gemacht – mein erstes überhaupt. Unter „Stimmen des Nordens“ sind neuerdings diese Stimmen ausgestellt, die Stellung nehmen gegen Fremdenhass und Rechtsradikalismus. Ich kam mir vor, als wäre ich gerade zufällig unterwegs mit ner ganzen Ladung Binsen, die ich zu den Nordlichtern ins Wattenmeer bringen sollte …

 

„Und? Weiter! Los, erzähl!“ Die Bärchen werden zappelig.

 

Nun ja … ich habe nicht gelogen. Ich habe erzählt, dass wir selber Flüchtlinge aus dem Osten waren und dass mein Vater, als ich fünf Jahre alt war, Flüchtlinge aus Ungarn geholt und in unserer Wohnung untergebracht hatte. Mit denen hatten wir uns dann angefreundet. Das hat mich sehr beeindruckt. Es hat eine starke persönliche Note anklingen lassen, die dazu geführt hat, dass mir Leute aus Ungarn immer noch „irgendwie sympathisch“ sind, auch wenn ich aktuell nur eine Ungarin persönlich kenne, die allerdings Teilzeitberlinerin ist. Außerdem habe ich gesagt, dass Menschen eine serienmäßig eingebaute Hilfsbereitschaft haben. Aber wem sage ich das?

 

 

Nicht erwähnt habe ich, dass man die unterschiedlichen Fälle nicht wirklich vergleichen kann. Da wird fix das Etikett „Flüchtling“ auf einen Container geklebt – und was ist drin? Da sind so viele verschiedene Sachverhalte und so viele verschiedene Menschenschicksale drin, dass uns das Etikett „Flüchtling“ nicht genug über den Inhalt verrät – jedenfalls nicht so viel, wie wir wissen wollen und wissen sollten. Aber muss man das dazusagen?

 

Mir ist inzwischen Griechenland auch irgendwie sympathisch. Mehr als vorher. Als ich das erste Mal auf Kos war, kam mir die Szenerie manchmal gespenstisch vor. Da gab es ein still gelegtes „Top-Marken-Outlet“, das inzwischen selber „out“ war und damit zu sich selbst gefunden hatte. Vielleicht war es gut so. Die Beton-Skelette am Straßenrand ließen nicht so recht erkennen, ob es verlassene Ruinen waren oder Häuser, die nicht fertig gebaut wurden. Sie standen verloren in der Landschaft wie Monumente ohne Vergangenheit und ohne Zukunft und dienten in der Gegenwart als Schattenparkplätze. Auch gut.

 

Ich hatte den Eindruck, dass sich die Griechen irgendwie durchwursteln. Ich weiß nicht, ob die Hilfsbereitschaft, von der ich vorhin berichtet habe, jemals an die große Glocke gehängt wurde. Womöglich gibt es überhaupt keine großen Glocken in Griechenland. Am Straßenrand sieht man gelegentlich kleine Kirchen in der Größe von Vogelkäfigen und von Volieren. In manche von ihnen, die etwas größer sind, würde vielleicht ein Motorrad mit Beiwagen Platz finden. Da gibt es natürlich keine großen Glocken. Nur kleine.

 

Griechenkapelle

 

Inzwischen hat sich auch Käpt’n Blaubär zu Wort gemeldet. In den ‚Mitternachtsspitzen’ des WDR gab es eine neue Blaubär-Folge, bei der die kleinen Bärchen ein funkelndes Dreieck gefunden haben, das aber nicht – wie man denken sollte – ein Zacken aus Neptuns Krone ist, sondern ein Warndreieck, das der Käpt’n einst aufgestellt hat, um vor Pegida und den braunen Sackgesichtern zu warnen – damals, als er auf der Oder mit einer ganzen Ladung Säcke unterwegs war …

 

 

Doch die kleinen Bärchen lassen sich nicht so leicht reinlegen. Sie haben ihre Zweifel. Sowieso. Immer. „Wenn das man nicht gelogen ist“, überlegt das gelbe Bärchen.

 

So ist es: Es sieht zwar aus wie Käpt’n Blaubär, es kommt auch die Formulierung „Beim Klabautermann“ vor, aber es klingt nicht nach Käpt’n Blaubär. Vielmehr wirkte hier der Stimmenimitator und Satiriker Elmar Brandt. Man hört es sofort: Hier spricht nicht „his master’s voice“, die Stimme des Herrn, die Stimme des Bären: Wolfgang Völz. Es ist nicht der richtige Ton. Doch gerade auf den richtigen Ton kommt es an. Wie sagte der Käpt’n einst: „Da war ich doch gerade zufällig unterwegs mit ner ganzen Ladung Hörgeräte …“

 

„Schon gut, Opi“, unterbricht das grüne Bärchen. „Das kannste deinem Friseur erzählen, uns hast du die Geschichte bestimmt schon hundert Mal erzählt.“

 

Der alte Käpt’n kratzt sich verlegen am Kinn. „So, so, hab ich das?“

 

Er ist verwirrt. Es gibt so viele Wiederholungen im Fernsehen, da kann man leicht durcheinanderkommen. Aber soviel ist gewiss: Käpt’n Blaubär vertritt keine Meinungen, er erzählt Geschichten. Und er ist immer noch der beste Geschichtenerzähler auf dem platten Land und auf allen acht Meeren (von dem achten Weltmeer ist leider nur noch ein trauriger Rest übrig). Er besteht ausschließlich „äußerst gefährliche“ Abenteuer – Drunter macht er es nicht! – und wenn er dann zufällig unterwegs ist mit ner ganzen Ladung Maultaschen in Übergröße für die Großmaulfrösche in Kreta, dann stolpert er dabei über seine übergroßen Worte wie ein Clown, der über die Schuhe stolpert, die ihm viel zu groß sind. So wird aus den aufgeblasenen Ballons die Luft rausgelassen.

 

Doch es ist viel heiße Luft im Spiel. Man sollte die Hilfsbereitschaft – wenn es denn stimmt, was ich vorhin gesagt habe, dass sie serienmäßig eingebaut ist – an die kleine Glocke hängen. Denn warum sollte man mit einer Sache auftrumpfen, die für jeden gilt? Warum sollte man sich etwas zugute halten, das selbstverständlich ist? Ich finde Kriege schrecklich. Ich bin gegen Gewalt. Gegen Folter. Gegen Unrecht – Halt, Stopp! Da bin ich nicht sicher. Sind wir da alle einer Meinung? Wenn man gegen Unrecht ist, dann ist man für das Legale (das Rechtmäßige) und gegen das Illegale (das nicht Rechtmäßige) – oder? „No one is illegal“ stand an einer Wand in Kos. Die Schrift wirkte jedoch nicht mehr ganz frisch.

 

Achtung! Ich habe hier ein funkelndes Warndreieck aufgestellt! Bitte, beachten Sie:

Die Hilfsbereitschaft, wie sie die Deutschen aufbringen, darf nicht als vorbehaltlose Zustimmung zur aktuellen Politik missverstanden werden.

Ich kenne das Problem auch von einer anderen Baustelle: Die Liebe eines Mannes zu einer Frau darf nicht als vorbehaltlose Zustimmung zur Gleichstellungspolitik missverstanden werden.

 

Deshalb möchte ich noch mehr dazu sagen. Wie heißt es doch immer? Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Eben. Ich sage also: So wie ich auf der einen Seite für die kleine Glocke bin, wenn es darum geht, sich selbst als gut hinzustellen, so bin ich andererseits gegen die große Glocke, wenn es darum geht, andere schlecht zu machen. Doch was sehe ich? Da ist der Damm gebrochen. Da ist Land unter. Da sind alle Hemmungen überwunden.

 

„Wir alle müssen uns entscheiden, auf welche Seite wir uns stellen wollen. Wollen wir auf der Seite von Mord (!) und Totschlag (!), Hass und Rassismus stehen? Oder stellen wir uns auf die Seite von Menschlichkeit und Mitgefühl? So einfach ist das.“ So fasst es eine der Stimmen des Nordens im Antifa T-Shirt (vermutlich keine Kleiderspende) zusammen. Doch auch das wird man wohl noch sagen dürfen: So einfach ist nicht „das“. So einfach ist „der“.

 

Sicher: Es gibt gewisse Dinge, die man stets aufs Neue sagen sollte; Dinge, die man gar nicht oft genug sagen kann. Deshalb sage ich auch – selbst wenn ich mich wiederhole –, dass ich nicht alle Blaubär-Geschichten geschrieben habe. Wie hieß es doch früher bei uns auf dem platten Land? So blöd kann einer alleine gar nicht sein. Da wirkten viele mit. Ich habe es schon oft gesagt: Zuletzt hier. Da habe ich versucht, alle guten und auch die weniger guten Fragen zu beantworten.

 

Ich kenne nicht einmal alle Lügengeschichten. Ich bin auch nicht mit allem einverstanden, was meine Kollegen, Kumpel und all die Leute, mit denen ich früher mal zusammengearbeitet habe, inzwischen machen. Ich bin übrigens auch nicht mit allem einverstanden, was meine Freunde denken. Umgekehrt erwarte ich von meinen Freunden auch nicht, dass sie mir in allem zustimmen. Wir können aber offen darüber reden. So verstehe ich Freundschaften.

 

Das sehen nicht alle so. Bei facebook stehen Freundschaften neuerdings unter missliebiger Beobachtung. Das ist auch einer der Gründe, warum im Moment so mancher, dem die Daten-Grabbelkiste langsam unheimlich wird, bei facebook wieder aussteigt. Gerade wenn er sich vorstellt, wie da nach belastendem Material gewühlt und nachgeforscht wird, was er jemals gelikt, geliket oder geliked hat und wer seine zahlreichen FreundInnen sind. Nun werden die Freundeslisten ausgemistet. Da wird „entfreundet“. Das klingt wie „entnazifiziert“ – und ist wohl auch so gemeint.

 

Es ist vermutlich eine Nebenwirkung der Willkommenskultur. Die führt nämlich zu einer neuen Engherzigkeit – zero tolerance – gegenüber den alten Freunden, um die neue Weitherzigkeit – no limit tolerance – gegenüber den neuen Fremden auszugleichen. Da gibt es dann keine persönlichen Noten mehr. Da zählt allein die Gruppenzugehörigkeit. Der alte Freund gehört plötzlich in die falsche Gruppe, der neue Fremde dagegen in die richtige. Es ist außerdem ein deutliches Zeichen, das damit gesetzt wird: Wir heißen die Fremden freundschaftlich willkommen, aber unsere Freundschaft ist auch leicht wieder verspielt.

 

Schon beim ersten Beitrag, den ich für die ‚achse’ geschrieben habe, ging das los: Was?! Du bist auf einer Seite mit Henryk Broder?! (gemeint war in dem Fall eine Internetseite, aber das reicht Leuten, die nach Seiten sortieren). Damit war die Freundschaft beendet. Noch schlimmer: Akif Pirincci! Was!? Den kennst du?! (dabei habe ich – ich schwöre – kein einziges von seinen Katzen-Büchern gelesen, aber darum geht es nicht). Schon war ich auf der falschen Seite, im Feindesland. Am schlimmsten: Ich habe auf einer Konferenz zum Thema ‚Familie in Vietnam’ gesprochen.

 

Dabei geht es nicht um mich oder um meine Meinung. Sondern um das Drumherum. Denn einer von denen aus dem Drumherum könnte ja zu dem Drumherum von einem anderen gehören, der wiederum zu dem Drumherum von Leuten gehört, die auf der Seite von Mord, Totschlag, Hass und Rassismus stehen. Im Dunstkreis von diesem Drumherum könnte es sogar Raucher geben. Und das geht gar nicht.

 

Von mir aus ginge das. Freundschaften haben für mich einen Wert, der so groß ist, dass er Unterschiede in den Meinungen zu Politik, Religion oder Philosophie überbrücken kann. Thomas Jefferson sagte es so: „I never considered a difference of opinion in politics, in religion, in philosophy, as cause for withdrawing from a friend.“

 

Erstaunlich, dass sich die kleinen Bärchen noch nicht wieder gemeldet haben. Sind sie etwa beeindruckt, dass so ein Oldtimer wie ich facebook kennt?

 

„Opa, gibt nicht so an“, meint das pinkfarbene Bärchen.

 

„Du willst uns doch nicht weismachen, dass du irgendwas von diesem Thomas Jefferson gelesen und auswendig gelernt hast“, das gelbe Bärchen und schüttelt den Kopf. „Du doch nicht.“

 

„Wahrscheinlich“, sagt das grüne Bärchen, „will uns der Alte gleich erzählen, dass zufällig eines Tages eine Brieftaube in die Kombüse geflattert kam und ihm persönlich den Spruch gebracht hat.“

 

Die Bärchen kichern.

 

Nun ja … Das ist nicht ganz falsch. Der Spruch ist mir tatsächlich eines Tages zufällig zugeflogen. Besser gesagt: Er wurde gepostet. Auf facebook.

 

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Fragen über Fragen

 

 

 

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Wie heißen die drei kleinen Bärchen?

Erwischt. Das ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird. Das wollen die Kinder natürlich wissen. Und das ist auch gut so. Sie haben Recht. Sie kennen die Farben: ein Bärchen ist grün, eins ist gelb, eins pink. Aber wie heißen die Bärchen? Hm!

Das weiß ich auch nicht. An der Stelle haben wir einen Fehler gemacht und gedacht, es reicht, wenn die Bärchen Farben haben. Aber nicht nur ein Kind, auch ein Bär will einen Namen haben.

Das grüne Bärchen war übrigens schon mal verschwunden. Ein Kind hatte das Bärchen so gerne, dass es es einfach nicht mit ansehen konnte, wie die anderen Kinder auch alle zu den Bärchen drängelten. Da hat das Kind schnell das grüne Bärchen versteckt. Zur Sicherheit. Damit es wenigstens ein Bärchen für sich alleine haben konnte. Wenigstens ein Weilchen. Es hat das grüne Bärchen dann aber wieder frei gegeben. Alle drei Bärchen sind wieder wohlauf. Auch ohne Namen.

 

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Wie viele Geschichten gibt es?

Immerhin. Das weiß ich: 104. 104 kann man gut durch 52 teilen. Das ergibt 2.

52 Wochenenden hat ein Jahr. Wenn an jedem Wochenende eine Blaubär-Geschichte im Fernsehen kommt, dann reichen 104 Geschichten für 2 Jahre. Nach 2 Jahren werden die Geschichten wiederholt. Denn in Deutschland gibt es alle zwei Jahre neue Kinder. Die kennen die alten Geschichten noch nicht.

In Wirklichkeit gibt es sogar noch mehr als 104 Geschichten. Aber wie viele genau – das weiß ich auch nicht. Ich war nur am Anfang dabei. Nachher sind noch viele Geschichten dazugekommen, die ich selber nicht alle kenne.

 

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Hast du die alle ganz alleine ausgedacht?

Keinesfalls. Das kann auch einer alleine gar nicht schaffen. Wir heißt es auf dem Land? So blöd kann einer alleine gar nicht sein. So viel Seemannsgarn kann einer alleine nicht spinnen. Das kann nicht einmal ein weit gereister Seebär, der schon alle sieben Weltmeere befahren hat.

Die 104 Geschichten haben wir zu dritt geschrieben. Dabei haben uns noch Leute geholfen, die haben uns Lügen erzählt und uns Ideen zugeflüstert. Wir drei – das waren: Walter Moers, Rolf Silber und ich. Jeder von uns hat etwa ein Drittel von den 104 Geschichten geschrieben.

Rolf Silber ist übrigens über zwei Ecken mit dem Piraten John Long Silver verwandt. „Silver“ ist englisch und heißt bekanntlich „Silber“.

 

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Wer hat den Blaubär eigentlich erfunden?

Walter Moers, der war’s. Der hat zuerst Gutenacht-Geschichten für die Sendung ‚Sandmännchen’ geschrieben. Da liegen die drei Bärchen schon im Bett – man sieht nur ihre Köpfe – und wollen noch eine „knallgute Gutenachtgeschichte“ hören, anderenfalls drohen sie mit Rabatz. So hat alles angefangen. Damals ging es noch ohne Hein Blöd.

Dann wollte die ‚Sendung mit der Maus’ 104 Geschichten in der Art. Da hat dann Walter Moers noch zwei Kumpel mit an Bord geholt. Dann ging es los. Also: Walter Moers war’s. Genau. Das ist auch der, der sich das ‚kleine Arschloch’ ausgedacht und der den Kinofilm von Käpt’n Blaubär gemacht und das Buch von den dreizehneinhalb Leben des Käpt’n Blaubär geschrieben hat.

 

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Wie viele Leute machen bei dem Seemannsgarn mit?

Viele. Ungefähr 30 Leute müssen mitwirken, damit es nachher eine Geschichte für die ‚Sendung mit der Maus’ gibt: die Puppenspieler, die Sprecher, die Zeichner … Etwa 10 Zeichner hatten schon mal angefangen, allerlei Schiffe und Inseln, die immer gut zu irgendeiner Geschichte von Käpt’n Blaubär passen, zu zeichnen, ehe wir Autoren die Geschichten fertig ausgedacht hatten. Und dann noch die Musik. Da kommt einiges zusammen.

Bei alten Filmen, zum Beispiel von Charlie Chaplin, gab es noch keinen langen Abspann, in dem steht, wer alles mitgemischt hat. Charlie Chaplin hat fast alles selber gemacht. Er hat selber den Text geschrieben, hat selber die Hauptrolle gespielt und hat selber die Musik komponiert. Er hat sozusagen vor und hinter der Kamera gleichzeitig gestanden. Heute kann das keiner mehr.

Aber viele stellen sich das immer noch so vor. Die denken, wenn einer irgendwas bei einer Fernsehfolge von Käpt’n Blaubär gemacht hat, dann hat er auch gleich ALLES gemacht. Ich war es jedenfalls nicht. Ich kann auch nicht so gut zeichnen. Ich habe es aber mal probiert. Ich kann viele Sachen nicht. Ich kann eigentlich nur gut lügen.

 

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Wie alt ist Käpt’n Blaubär?

Hm? Schwere Frage. Bei Piraten, Asiaten und bei manchen Frauen kann man das nicht so genau sagen. So sagt man jedenfalls in Seefahrerkreisen. Die sind irgendwie zeitlos. Die ersten Folgen von Käpt’n Blaubär gab es schon 1991 oder sogar schon 1990. Ich erinnere mich noch dunkel, dass es damals eine Geschichte gab, in der Käpt’n Blaubär seinen sechzigsten Geburtstag feiert und dabei Oldies singt, zum Beispiel Lieder von den Beatles. Dann ist er also gar nicht sooo alt. Und die Oldies sind immer noch schön.

 

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Warum ist der Bär blau?

Normalerweise sind Bären nicht blau. Das wissen wir auch. Manche denken, dass er „Blaubär“ heißt, weil er so aussieht, wie er heißt (er ist ein Bär und er ist blau) und heißt „Blaubär“, weil er irgendwann einmal zu viele Blaubeeren gegessen hat. Aber das stimmt nicht. Davon wird man nicht blau. Ich weiß es genau. Ich esse nämlich selber immer so viele Blaubeeren, wie ich kriegen kann. So viel wie möglich. Davon wird man nicht blau. Es gibt einen ganz anderen Grund.

Ursprünglich sollte es „Käpt’n Braunbär“ heißen. Aber heutzutage ist es sehr teuer, eine Fernsehserie zu machen, so dass man solche Filme nur machen kann, wenn man sie in möglichst viele Länder verkauft. Man muss sie sogar schon verkaufen, ehe man sie überhaupt hergestellt hat. Deshalb spricht man vorher mit allen möglichen Interessenten. Die Japaner waren sehr interessiert und haben versichert, dass sie Filme, wenn sie fertig sind, kaufen wollen. Damit war die Finanzierung gesichert.

Wir waren dann ziemlich verwirrt, als die Japaner ständig anriefen und immer wiederholten: „Wollen kaufen: Käpt’n Blaubäll“. Da haben wir gedacht, dass sie die Filme vielleicht nur kaufen wollen, wenn der Bär blau ist. Na gut. Dann eben so. So ist der Bär blau geworden.

Die Japaner sind übrigens später wieder abgesprungen und haben Käpt’n Blaubär nicht in Japan im Fernsehen gezeigt. Schade. Aber es ging auch so.

 

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Wer spricht den Bären?

Die Stimme kommt einem irgendwie bekannt vor. Richtig. Es ist die Stimme von Wolfgang Völz. Der hat auch gesagt „Nichts ist unmöglich“ und „Käpt’n Iglu“. Der kann das. Das hat man immer noch im Ohr. Er ist ein berühmter Sprecher, der schon in Fernseh-Seiren wie ‚Graf Yoster gibt sich die Ehre‘ und in ‚Raumpatrouille‘ mitgemacht hat. Außerdem in vielen Filmen wie ‚Pippi im Taka-Tuka-Land‘, ‚Urmel aus dem Eis‘, ‚Pumuckl und der blaue Klabauter‘ und in ‚Emil und die Detektive‘.

 

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Wer spricht Hein Blöd?

Das ist ein Schauspieler, der Edgar Hoppe heißt. Der macht das gut. Aber es ist auch nicht so schwer. In Hamburg können viele so sprechen. Man muss einfach die Vokale verlängern (die Vokaaale verlääängern). Im Einwohnermeldeamt Eimsbüttel wurde das noch in den siebziger Jahren überprüft, wenn einer unbedingt ein richtiger Hamburger sein wollte. Inzwischen lassen sie das.

Manchmal werde ich bei Lesungen in Bayern, Franken oder im Schwabenland angesprochen und die Kinder fragen mich dann, ob ich nicht noch ein bisschen mehr in dieser „Witzsprache“ reden könnte. Ich weiß gar nicht, was die meinen.

 

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Wer spricht die kleinen Bärchen?

Das machen Kinder, die ungefähr zehn Jahre alt sind. Ein Mädchen (das pinkfarbene Bärchen ist ein Mädchen) und zwei Jungen. Einer von den Jungs musste wieder ausgetauscht werden, weil er in den Stimmbruch kam. Das war dann schon ein Problem. Aber es gibt noch ein Problem: Heutzutage haben Kinder, die ungefähr zehn Jahre alt sind, keine Zeit mehr und schaffen es kaum noch, sich auf einen gemeinsamen Termin zu einigen. Die Kinder heutzutage haben einen Terminkalender wie Stars. Sie haben es aber trotzdem geschafft.

 

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 Ist Hein Blöd wirklich so blöd?

Tja. Das ist die Frage. Hein Blöd ist sehr beliebt. Er ist viel beliebter als der Käpt’n. Die Kinder mögen ihn viel lieber. Es gibt Hein Blöd auch als Wärmflasche. Es ist die beliebteste Wärmflasche Deutschlands, sie ist noch beliebter als die Tiger-Enten-Wärmflasche.

Hein Blöd ist außerdem sehr hilfsbereit. Und er hat immer gute Laune, auch wenn sich alle über ihn lustig machen. Nun mal ganz im Ernst: Wenn nun einer so beliebt ist wie Hein Blöd und wenn er stets so gut gelaunt ist, dann kann er eigentlich nicht wirklich blöd sein – oder? Irgendwas macht Hein Blöd richtig.

Hein Blöd ist Happy Jack. Vielleicht kennt zufällig einer das steinalte Lied von den Who? Da heißt es: „They droped things on his head and lied, lied, lied. But they couldn’t stop Jack from being happy.“ So ist es auch bei Hein Blöd. Genauso. Bei all den Lügen bleibt er immer wohlauf.

 

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 Welche Farbe haben die Eltern?

Eine knifflige Frage. Der Opa (Käpt’n Blaubär heißt auch „Opa“ Blaubär) ist blau – wie man sieht. Die Oma, von der man allerdings nichts weiß, ist vermutlich auch blau. Oder sie war mal blau und ist dann später ergraut.

Die Enkelkinder (die drei kleinen Bärchen sind ja die Enkelkinder) haben bekanntlich Farben wie Gummibärchen oder wie Filzstifte: gelb, grün und pink. Da stellt sich schon die Frage: welche Farben haben die Eltern?

Durchsichtig? Oder sind sie bunt wie ein Regenbogen? Was können das für Farben sein? Was können das überhaupt für Eltern sein? Gibt es sie überhaupt? Hat man jemals von ihnen gehört?

Nein. Eben nicht. Die Eltern werden auch nicht erwähnt. Es gibt sie nicht – es kann sie gar nicht geben. Sie werden auch nicht vermisst. Das ist ein Erfolgsgeheimnis der Serie: Es ist eine Familie ohne Papa und Mama.

Nicht dass die Kinder was gegen ihren Vater oder gegen ihr Mutter hätten, aber wenn sie nicht da sind, dann ist das auch mal ganz schön. Es gibt sie ja doch. Sowieso. Immer. Jedes Kind hat einen Vater und eine Mutter.

Aber wenn auf einem geheimen Ort wie dem alten Schiff von Käpt’n Blaubär, das auf einer abgelegenen Klippe liegt, nur der Opa da ist und Hein Blöd, die Eltern von den drei kleinen Bärchen aber nicht, dann dürfen die Bärchen viel frecher sein. Das sind sie auch. Sie sind auch schlauer. Viel schlauer als Hein Blöd sowieso. Aber manchmal sind sie sogar schlauer als ihr Opa. Nicht nur manchmal. Fast immer.

 

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Ist Käpt’n Blaubär ein Lügner?

Man soll nicht lügen. Das wissen die Kinder auch. Aber der Käpt’n ist eigentlich auch kein Lügner. Er ist kein Betrüger. Er ist kein Politiker. Kein Gebrauchtwagenhändler. Er will die Bärchen nicht reinlegen. Im Gegenteil: Er meint es gut mit den drei kleinen Bärchen.

Er möchte ihnen die Langeweile vertreiben, möchte sie ein bisschen unterhalten und ihnen erzählen, wie es in der Welt zugeht. Aber stimmt das denn? Ist es denn so in der großen, weiten Welt, wie der Käpt’n sagt? Machen seine Geschichten nicht einen ganz falschen Eindruck?

Nein. Die Welt ist wirklich so, wie der Käpt’n sagt. Sie ist voller Wunder. Das wissen die Kinder auch. Die Erwachsenen haben das oft vergessen. Sie wundern sich nicht mehr, sie sehen den Paradiesstaub nicht, der über den Dingen liegt. Sie merken nicht, wie verzaubert in Wirklichkeit alles ist.

Der Käpt’n Blaubär erinnert uns daran. Seine Geschichte wollen uns immer wieder sagen, dass die Welt unerklärlich und wunderbar ist.

Und das ist wahr. 

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Wie ist Käpt’n Blaubär überhaupt ins Fernsehen gekommen?

 

 

 

Wegen Hein Blöd. Nur wegen Hein Blöd. Ohne ihn wäre so manches Abenteuer sowieso nicht möglich gewesen. Also, das kam so: Der Käpt’n und Hein Blöd sollten ein äußerst kostbares Haarwuchsmittel nach Rababel-Palavien bringen.

Das war nicht so einfach. Denn dieses Haarwuchsmittel durfte nicht zu lange in der Sonne stehen. Wenn dieses Haarwuchsmittel zuviel Sonne abkriegte, dann verlor es seine Wirkung. Ja, schlimmer noch: Die Wirkung kehrte sich um. Normalerweise wachsen von diesem Mittel die Haare wieder nach und werden länger und länger. Aber wenn das Mittel zu lange in der Sonne steht, werden die Haare, die noch da sind immer kürzer und schrumpfen ein. Da mussten sie also gut aufpassen, dass ihr kostbares Haarwuchsmittel gut gekühlt unter Deck aufbewahrt war.

Doch auch die Insel Rababel-Palavien war nicht ungefährlich. Da lebte ein merkwürdiges Volk, über das man nicht viel wusste. Man wusste nur, daß man in Rababel-Palavien nicht mehr als zehn Worte sagen durfte. Sonst würde ein großes Unglück geschehen – was für ein Unglück wusste keiner. Also hat es der Käpt’n seinem Leichtmatrosen genau erklärt und hat ihm eingebläut, auf keinem Fall mehr als zehn Worte zu sagen.

 

So fuhren sie los – das Haarwuchsmittel gut gekühlt unter Deck – schnurstracks in Richtung Rababel-Palavien. Doch plötzlich, als Hein Blöd gerade Wache hatte, wurde er ganz zappelig und sagte:

„Käpt’n (1),

ich (2)

will (3)

ja (4)

nichts (5)

sagen (6),

aber (7)

ich (8)

sehe (9)

was (10) …“

 

„Ja, was denn?“ fragte Käpt’n Blaubär, aber Hein Blöd schwieg.

 

Da war es auch schon passiert.

 

Es gab einen fürchterlichen Rumms. Das schöne Schiff lief auf ein Riff. Hein Blöd hatte es kommen sehen. Er wollte den Käpt’n warnen, doch er wollte schon für den Aufenthalt auf Rababel-Palavien üben und nicht zu viel reden. So passierte das Unglück. Das Schiff sank.

Der Käpt’n und Hein Blöd konnten sich gerade noch in ein Rettungsboot retten und konnten sogar noch ein Glas von der kostbaren Ladung mitnehmen. Wenigstens eins. So ruderten sie weiter unter der sengenden Sonne der Südsee – bis nach Rababel-Palavien.

 

Doch was war das?

 

Als sie Rababel-Palavien erreichten, war niemand da. Die Insel war verlassen. Die Bewohnen waren geflüchtet. Nur ein altes Fernsehgerät stand da. Sonst nichts. Alles hatten die Bewohner von Rababel-Palavien mitgenommen, sogar die Steckdose. Wahrscheinlich hatte denen irgendein ahnungsloser Tourist so ein Gerät mitgebracht und eingeschaltet – und bei der ersten Talkshow waren alle Hals über Kopf geflüchtet.

Hein Blöd war völlig aus dem Häuschen, als er das Fernsehgerät sah. Er war gar nicht mehr zu bremsen. Er wollte schon immer gerne ins Fernsehen. Also machte er den alten Kasten auf und holte alles raus, was da an elektrischen Teilen drin war.

Aber deswegen kam Hein Blöd noch lange nicht ins Fernsehen rein. Denn der Fernsehapparat war ungefähr sooo groß, und Hein Blöd ungefähr soooooo groß. Das passte einfach nicht.

Da hat Hein Blöd kurzerhand die Flasche mit dem Haarwuchsmittel zur Hälfte ausgetrunken. Das hatte ja nun lange in der Sonne gelegen und die Wirkung hatte sich umgekehrt. Nun schrumpfte Hein Blöd. Er wurde so klein, daß er in das Fernsehgerät reinpasste.

Das konnte der Käpt’n nicht dulden. Hein Blöd im Fernsehen. Ganz alleine. Da musste er sofort was unternehmen. Also trank er schnell den Rest von dem Haarwuchsmittel, schrumpfte auch, krabbelte fix ins Fernsehen rein, um aufzupassen, dass Hein Blöd da nicht so viel Unfug macht.

Tja, so ist er eben ins Fernsehen gekommen.

 

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Lügen in Zeiten des Farbfernsehens

 

„Das Wahre ist das Ganze.“ 

G.W.F. Hegel in der Vorrede zur ‚Phänomenologie des Geistes’

„ALLES LÜGE“

Beliebter Aufkleber, der den Werbespruch „ALLES FRISCH“ parodierte (und inzwischen auch wieder aus der Mode gekommen ist).

 

 

 

Der Blaubär lügt. Sowieso. Das wissen die Kinder natürlich. Immer, wenn ich sage: „Aber, bitteschön, er lügt doch nicht immer“, gibt es mit Sicherheit ein Kind, das sofort dazwischenruft: „Aber immer öfter!“

Sie kennen eben ihren Bären, der ihnen einen selbigen aufbinden will, – aus dem Fernsehen. Und daher kennen sie auch die Werbesprüche: „Clausthaler – alles, was ein Bier braucht.“

Einmal wollte ich anfangen, eine Lügengeschichte zu erzählen, als mich ein Kind, das vielleicht drei Jahre alt war, gleich wieder unterbrach: „Den kenn ich, den Blaubär, der kommt jeden Sonntag zu uns …“ – und noch während das arme Kind redete, konnte man die Enttäuschung (oder vielleicht auch nur eine Verwunderung) in seinem Gesicht ablesen, weil nämlich die anderen Kinder sofort betonten, dass sie den Blaubär auch alle kannten, dass er auch zu ihnen ins Wohnzimmer kam. Da musste, wie es aussah, irgendwas faul sein an der Sache.

In dem Buch ‚Am Fuß der blauen Berge’, in dem von der „Flimmerkiste in den 60er Jahren“ erzählt wird, gestehen zwei „bekennende Allesseher“, wie sie sich freiwillig nennen: „In der Frühphase des Fernsehens war es für uns Kinder eine ganz wichtige Erkenntnis festzustellen, dass aus jedem Fernseher das gleiche rauskam! Wenn man sich traf, hieß es: War bei euch gestern auch ‚Fury’ drin? Echt verrückt …“ Und der zweite Bekenner ergänzt: „Ja, weil das am Anfang so schwer vorstellbar war. Eine Tante von mir hat sich sonntags auch immer besonders fein angezogen zur Tagesschau, zum Köpcke. Weil die dachte, der sieht sie! Ist wirklich wahr.“

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Wir glauben es ja auch, halten das aber eher für eine Kuriosität am Rande, für die sich vielleicht Neil Postman begeistern könnte, oder Günther Anders, der die zunehmende „Phantomisierung“ beschreibt und dabei von Omas erzählt, die echte Babywäsche häkeln für den – natürlich rein fiktiven – Nachwuchs aus Familienserien.

Es soll eben Menschen geben, die mit ihrem trägen Herzen bei der rasanten Entwicklung des modernen Lebens nicht immer Schritt halten können und offenbar auch die Packungsbeilage zu Risiken und Nebenwirkungen nicht durchgelesen haben. Dabei war das noch die gute, alte Flimmerkiste in Schwarzweiß, bei der ein Unterschied zur Realität eigentlich evident sein sollte.

Dennoch. Ich kann mich gut erinnern, wie geradezu unerträglich spannend ich immer die „Abenteuer unter Wasser“ fand. Manchmal konnte ich die diese Spannung nur noch aushalten, indem ich versuchte, sozusagen durch die Bilder hindurch auf den Herstellungsprozess selber zu blicken, mir also beschwörend einredete, dass da noch jemand dabei sein musste, der das Geschehen gerade filmte.

Der würde doch nicht tatenlos zusehen, wie jemand unter Wasser eingeklemmt ist und keine Luft mehr kriegt, wenn er mit seiner Unter-Wasser-Kamera unmittelbar daneben steht und ihn retten könnte. Das war echt spannend. Diese Filme waren auch in Schwarzweiß. Und spielten obendrein unter Wasser.

Wie sollte das erst in Farbe werden? Denn mit dem Fortschritt der Technik wird unsere ach-so-vertraute Welt, wie jedenfalls viele glauben, immer verrückter, und die Trennlinie zwischen Echt und Falsch immer dünner.

Bestes Beispiel aus den achtziger Jahren: Ronald Reagan, der, wie wir alle wissen, den amerikanischen Präsidenten gemimt hat und zugleich wirklich der Präsident war, was mir stets wie eine Art moderne Inszenierung des ‚Hauptmann von Köpenick’ vorkam. Oder was – bitteschön – halten wir vom Film ‚Forrest Gump’? Oder von der Firma Pro Imaging Labs, die speziell für geschiedene Paare einen DivorceX-Service anbietet, bei dem Fotoalben mit neuen Scannern so manipuliert werden, dass alte Gruppenfotos beliebig neu gemischt werden können?

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Aber ist die Vermischung von Fantasie und Realität – von echt und unecht – wirklich neu? Dieses merkwürdig prickelnde Gefühl, sich dabei einer verbotenen Grenze zu nähern, hatte ich – ehrlich gesagt – schon öfter. Ich hatte das bereits im Jahre 1977, als ich mit inzwischen hoffnungslos überholten technischen Möglichkeiten einen Super-8-Film nachvertonte, und ich kann mich auch noch an den milden Schrecken erinnern, als ich das erste Mal meine eigene Stimme von Tonband hörte.

In Wahrheit stehen die meisten von uns all diesen Errungenschaften weder besonders begeistert noch besonders skeptisch gegenüber, sondern einfach gleichgültig. Weil es alles gar nicht so neu ist.

Schon die Römer (falls das nicht auch wieder nur so ein Gerücht ist) hatten Spektakel, bei denen bei jeder Aufführung ein Schauspieler geopfert wurde, man musste halt jedes Mal einen neuen Sklaven in die Arena schicken, der da dann – live – einen nur gespielten und zugleich echten Tod sterben musste.

Und je mehr ich über das Lebensgefühl der barocken Welt lese, desto mehr habe ich den Eindruck, als hätten sich die Menschen damals mit ihren pompösen Opern, ihren Jagd- und Schäferspielen und den Inszenierungen eines aufwendigen, höfischen Lebens eine bewusste Künstlichkeit geschaffen, über deren „Firnis von Unwirklichkeit“, wie es Wolf von Niebelschütz nennt, sie sich durchaus bewusst waren. Ludwig der XIX. soll sogar eine Perücke mit Gucklöchern gehabt haben, durch die sein echtes Haar besser zur Geltung kam.

Und in einem Roman von George Simenon, der zum größten Teil in der Südsee spielt und ein existenzialistisches Gefühl der 30er Jahre beschreibt, steht ganz unauffällig der lapidare Satz: „Alles war wirklich und unwirklich zugleich“. Eben. Genauso stelle ich mir das auch vor. Nicht nur in der Südsee.

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Es ist also, wie ich vermute, kein spezielles Problem der Computerkids, deren Eltern mit Happenings groß geworden sind. Es ist keine Frage einer neuen technischen Errungenschaft. Es ist das Drama und das Glück eines jeden Kindes, ob nun begabt oder unbegabt, dass ein Spiel zugleich ernst ist.

Sehr schön hat das mal mein Bekannter Lasse gezeigt, der – vielleicht im Alter von acht Jahren – noch lange nach Aschermittwoch immer noch mit seinem Indianerkostüm rumgelaufen ist und damit sogar ins Bett gegangen ist, bis es seine Mutter nicht mehr mit ansehen konnte und schimpfte: „Jetzt zieh endlich diese albernen Klamotten aus, Fasching ist vorbei.“

Daraufhin hat Lasse sich in die Brust geworfen und seiner Mutter stolz erklärt: „Du weißt wohl nicht, mit wem du redest: Ich bin Winnetou!“

So ist es auch keine Überraschung, dass wir uns all den technischen Neuerungen gegenüber selber immer wieder wie Kinder verhalten. Die Weltraumfahrt hat uns alle zu Kindern gemacht, heißt es, doch auch ein einfaches Fax-Gerät erscheint so manchem Erwachsenen wie ein kleines Wunder; und ein großer Teil der Möglichkeiten auf CD-ROM ist natürlich auch bloß – ich gebe es offen zu – die reine Spielerei, für das Kind im Manne, oder für das Kind im Kinde.

Na und? Videos und Computerspiele sind längst nicht so gefährlich wie Ritterbücher. Da kann es nämlich passieren, dass man den Sinn für die Realitäten völlig verliert und Windmühlen mit Ungeheuern verwechselt.

Die Kinder haben heute nicht nur Bücher mit bunten Bildern (meine Tochter hat dazu gleich die einschlägigen Kategorien gebildet „langweilige Bücher“ = „ohne Bilder“ und „nicht-langweilige Bücher“ = „mit bunten Bildern“). Zusätzlich haben die jungen Konsumenten von heute einen Gameboy, ein Polly Pocket, ein Video, eine Kassette fürs Auto und eine Puppe, die womöglich sprechen kann – von einem Tamagochi ganz zu schweigen.

Da denkt ein Kulturkritiker natürlich sofort, dass es für die Kleinen schwer sein muss, noch zwischen Echt und Unecht zu unterscheiden. Hinzu kommt ja, dass viele dieser Bücher, ob nun langweilig oder nicht, der Fantasie der Kinder recht geben, etwa nach dem Schema: Ein Kind sieht ein Krokodil unter dem Bett, die Erwachsenen leugnen das natürlich, aber das Krokodil ist „wirklich da“ – es wird auch abgebildet. Die Erwachsenen sehen es nur nicht, weil sie eine eingeschränkte Wahrnehmung haben. Karlsson vom Dach gibt es auch „in Echt“, selbst wenn die Eltern das heftig abstreiten, man sieht ihn aber richtig fliegen, in Farbe, nicht etwa unter Wasser, sondern hoch in der Luft, ohne dass ein Faden erkennbar wäre.

Schwere Bedenken hatte ich bei einer großen Saurier-Ausstellung, bei der sich die Viecher nicht nur bewegten, sondern obendrein einen ziemlichen Lärm machten, der wohl irgendwie prähistorisch wirken sollte. Meine Tochter nahm es allerdings gelassen. Sie hatte gleich gemerkt, dass die Saurier nicht echt waren, sondern „nur mit Batterie“.

Die ‚Augsburger Puppenkiste’ dagegen kann viel aufregender sein, auch wenn die gar nicht erst versuchen, so zu tun, als wären die Puppen echt. Ein Faden ist immer im Bild und das Meer ist ganz offensichtlich eine Plastikfolie.

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Käpt’n Blaubär gibt es inzwischen auch als Video, als Kassette, als Kuscheltier, als Lampion, als Tütenkasper, als Comic, als Wärmflasche, als Schlauchboot, als Spardose, als Girlande, als Bettlaken, als Waschlappen, als Fingerpuppe, als Kolleg-Mappe, als T-Shirt, als Zelt, als Malbuch mit Buntstiften, als Luftmatratze, als Kalender, als Krawattennadel, als Puzzle, als Fensterbild, als Mountain Bike, als Handpuppe, als Kochbuch, als Schwimmflosse, als Faschingskostüm, als Fußabtreter, als Mini-Steckspiel, als Trinkbecher und als Spiel ‚Wahr oder gelogen?’

Und doch – oder gerade deshalb? – enttäuscht der Blaubär die Kinder, wenn sie ihn unvermutet als Puppe in der Post beim Weltspartag treffen oder im Schaufenster einer Buchhandlung. Vielleicht enttäuscht er sie nicht ganz so sehr wie die popelige Radkappe, die wir als Raumschiff ‚Orion’ kennen, aber womöglich so ähnlich: Der redet ja gar nicht und rollt auch die Augen nicht. So habe ich schon erlebt, dass mich Kinder nach einer aus meiner Sicht durchaus geglückten Vorstellung gefragt haben: „Wann fängt es denn an?“

Auch meine Tochter hat sich schon ihre Gedanken über den Charakter der Massenmedien gemacht, als sie nämlich mal die Gruppe Kunterbunt beobachtet hat, die nach dem Konzert Kassetten verkaufte: „Haben die jetzt auf jede Kassette neu draufgesungen“, hat sie gefragt, „oder haben die nur eine Kassette gemacht und die dann immer wieder überspielt?“

Diese Frage ließ sich wenigstens beantworten. Andere waren nicht so leicht zu erklären. Mein alter Mathematiklehrer hatte mal die Losung ausgegeben, dass jeder, der ein Telefon benutzt und nicht weiß, wie es funktioniert, ein moderner Idiot ist. Und als bekennender moderner Idiot muss ich zugeben, dass ich bei manchen Fragen einfach passen musste. Geht es bei den Kinderfragen ja auch gar nicht darum, technische Vorgänge erklärt zu kriegen, sondern vielmehr darum, so etwas wie Anteilnahme herzustellen, wenn meine Tochter etwa im Verkehrsfunk, der über die ARI-Funktion die Kinderkassette unterbricht, gehört hat, dass auf der A7 spielende Kinder auf der Fahrbahn sieht, und sie dann besorgt fragt: „Kennen wir die?“

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Da ist es dann gar nicht so leicht, zu erklären, dass diese Medien keineswegs so durchlässig und verfügbar sind, wie sie gerne tun, wenn sie doch, um noch mal Günther Anders zu bemühen, immer wieder „mit dem duzen anfangen“, und beispielsweise einen Brief vorlesen: „Hier schreibt uns Benjamin aus Bochum, der wissen will, wie die Löcher in den Käse kommen“: Meine Tochter hat auch eine Menge Fragen – warum kommen wir nicht mal dran? Hier spürt sie vermutlich eine ähnliche Enttäuschung (oder auch nur Verwunderung) wie dieses dreijährige Kind, das ich am Anfang erwähnt habe. Und was ist eigentlich – das möchte ich nämlich selber gerne wissen – inzwischen aus diesen Kindern geworden, die auf der A7 gespielt haben? Das sagt einem ja auch keiner.

Nein, das Fernsehen lässt die Kinder nicht wirklich Anteil nehmen. Sie leugnen ihren Charakter als Massenmedium. Sie wollen – und können – auch gar nicht so zugänglich sein, wie sie tun. Sie scheinen sich einig zu sein, dass man den Kindern in Wirklichkeit gar keinen Gefallen tut, wenn man ihnen allzu sehr entgegenkommt und sich womöglich kindgerecht gebärdet.

Im Fernsehen tut man das nicht. Da werden Familienprogramme gemacht, als wären die Familien noch intakt; und man geht sicherheitshalber davon aus, dass Kinder überfordert werden wollen. Als Autoren sollten wir sogar vorsätzlich Scherze in die Lügengeschichten reinschreiben, die Kinder nicht verstehen können. Wenn sie nämlich zu hundert Prozent alles verstehen, fühlen sie sich schon zu alt, dann ist das „Kinderkram“, dann wollen sie lieber – wenn auch nur scheinbar – teilhaben an der Welt der Großen, auch zu dem Preis, dass sie nicht alles verstehen.

Sollen die Kinder also getrost ein bisschen staunen. Gerade das macht ja das Glück und die Magie der Kinderwelt aus.

So beschreibt es jedenfalls Franz Hessel in seiner ‚Lektüre unter dem Weihnachtsbaum’: „Macht hurtig, Jenni. Zieh die Naue ein.“ Naue! Wie geheimnisvoll. „Der graue Talvogt kommt, dumpf brüllt der Firn.“ Das sind Sturmgeister. Sie brausen daher. Und was der Fischer ankündigt, bestätigt der Hirt: „’s kommt Regen, Fährmann. Meine Schafe fressen mit Begierde Gras, und Wächter scharrt die Erde.“

Was tut da die Erde? Sie scharrt Wächter? Scharrt, weil sie sich fürchtet vor dem Sturm, vor all den bösen Wesen, dem Talvogt, dem Firn, dem Mythenstein mit seiner kriegerischen Haube, Wachposten empor. Wächter scharrt die Erde!

Später, wenn man dann den „Tell“ in der Schule „hat“, kommt heraus: die Naue ist ein Boot, der Mythenstein ist ein Berg. Und nicht die Erde scharrt Wächter, sondern der Hund, der Wächter heißt, scharrt die Erde. Ist auch ganz schön, aber eigentlich war es noch schöner, als man noch nicht verstand …“

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Doch ist es auch wirklich derselbe Zauber, der bei Franz Hessel vom ollen Schiller ausgelöst wurde und heute vielleicht vom ‚Blaubär-Club’ ausgeht? Wird nicht gerade die Fantasie dadurch erst so richtig angestachelt, dass bei Schiller nur wenige Impulse gegeben werden und so viel der eigenen Vorstellung überlassen wird, während bei den Fernsehbildern buchstäblich nichts mehr zu wünschen übrig bleibt? Als bekennender moderner Idiot kann ich die Frage nicht so recht beantworten. Ich kann allerdings sagen, dass ich lieber Bücher schreibe als Drehbücher.

Für meine Tochter ist der Fall völlig klar: Ein Video ist viel besser als ein Buch. Da hat man mehrere Stimmen und nicht nur eine einzige, die einem etwas vorliest. Außerdem singen die richtig. Die können auch gut singen. Da ist nämlich gleich die Musik mit dabei. Die bewegen sich auch richtig. Und dann ist auf Videos einfach mehr drauf. Da gibt es sogar manchmal noch einen kleinen Vorspann als Zugabe.

Da liegt es doch auf der Hand, was besser ist. Wie kann man nur so blöde Fragen stellen? Außerdem, das muss sie nun wirklich mal loswerden, ist ihr das gar nicht geheuer, wenn ich dermaßen viel von Büchern halte, denn: „Weißt du was, Papa?! Die Bücher sagen auch nicht immer die Ehrlichkeit. Denk nur mal an die Blaubär-Bücher!“