Alle lügen. Nur der Blaubär nicht

 

 

 

Käpt’n Blaubär, der bekanntlich schon auf allen Weltmeeren war, erzählt: „Da war ich doch gerade zufällig unterwegs mit ner ganzen Ladung Eulen, die ich nach Athen bringen sollte, und da … plötzlich … passierte es …“

 

„Ja, was denn?“, wollen die drei kleinen Bärchen wissen. „Los weiter! Erzähl! Sonst machen wir die ganze Nacht Rabatz!“

 

Der alte Bär muss noch ein bisschen überlegen. „Ja, Rabatz … genau. Das war’s. Da gab es Rabatz.“

 

Richtig. Davon haben wir schon gehört. Es war in den Nachrichten. Es wurde sogar ein Blutbad befürchtet. Und zwar in Kos. Die Meldungen überschlugen sich geradezu. Kos sei die „Hölle auf Erden“, fand Claudia Roth, die gerade zufällig mit ner ganzen Ladung Mikrofone unterwegs war … (nein, in Wirklichkeit war sie extra angereist, um sich das Flüchtlingselend aus der Nähe anzusehen). Nun war ich auch da und habe es mir angeguckt.

 

Mit gemischten Gefühlen. Ich mochte keiner von diesen Touristen sein, die Wäschestücke von Flüchtlingen fotografieren, die zum Trocknen über den Zelten aufgehängt waren. Na, gut. Dann habe ich eben nicht fotografiert, was jedoch nichts daran geändert hat, dass ich auch nur ein Tourist war.

 

Gerade wurde eine Demo vorbereitet. Etwa vierzig oder fünfzig dunkelhäutige Männer mit T-Shirts, auf denen irgendetwas von „Türkiye“, „Istanbul“ oder „Che Guevara“ stand (vermutlich Kleiderspenden) übten Sprechchöre ein, die ich nicht verstand. Es wirkte ein bisschen wie eine improvisierte Party oder wie eine Sportveranstaltung. Jemand brachte Filzstifte und einen Pappkarton, der zerrissen wurden. PLEASE HELP wurde auf die Pappen geschrieben oder WE WANT PAPER.

 

Eine Gruppe von Frauen hielt sich etwas abseits, sie signalisierten mir sofort, dass sie Christen seien, was man schon daran erkennen konnte, dass sie Amulette und kleine Kreuze umgehängt hatten, die sie mir entgegenhielten, als wollten sie einen Vampir abweisen. Als ich ihnen versicherte, dass ich auch Christ bin, wirkten sie erleichtert. Wir konnten uns kaum verständigen. Sie konnten nur „Syria very bad“ und „Islam very bad“ sagen. Sie wollten weiter in die Niederlande.

 

Nun wurden die beschrifteten Pappen hochgehalten. Es wurden Fotos gemacht. Vielleicht hätte ich doch mein Handy zücken und ebenfalls fotografieren sollen. Denn das war offenbar gewünscht. Außer den Touristen, die – wenn gerade wieder ein Vergnügungsschiff angelegt hatte – in lockeren Gruppen auftraten, die nicht viel kleiner waren als die Gruppe der Demonstranten, war niemand da, der das dokumentieren wollte. Keine Presse. Kein Kamerateam. Keine Polizei. Dann mussten die Demonstranten eben selber ran und Selfies machen.

 

Auf einem Bild ist kein Platz für das ganze Elend, für die ganze Not – für die ganze Wahrheit. Als ich mir später am selben Tag die Mosaikfußböden der berühmten römischen Villa ansah, kam ich mir vor wie jemand, der flach auf dem Boden liegt und nur ein oder zwei verblasste Steinchen vor Augen hat. Mehr kann ich nicht sagen. Mehr weiß ich nicht. Ich habe nur ein bisschen was herausgekriegt: Die Männer, die demonstrierten, waren aus Pakistan, einige von ihnen aus Afghanistan. Die Familien wiederum waren aus Syrien. Sie bildeten zusammen die Gruppe der Flüchtlinge, aber sie gehörten nicht zusammen.

 

Noch etwas habe ich herausgefunden: Zehn der großen Hotels auf Kos haben sich abgesprochen: Sie liefern abwechselnd Malzeiten für die Flüchtlinge – wohlgemerkt: keine Reste, sondern Malzeiten wie für die zahlenden Touristen. Darüber hinaus helfen die Animateure und Sportlehrer und bringen auf eigene Faust alles an Obst, Wasser und Brot zu den Flüchtlingen, was sie auftreiben können. Auch die Griechen helfen mit kleinen Spenden – sei es in der Größenordnung von fünf Euro – auch wenn sie nicht wissen, wie es mit ihnen selbst und mit ihrem Griechenland weitergehen soll.

 

Schließlich habe ich auch ein Selfie gemacht – mein erstes überhaupt. Unter „Stimmen des Nordens“ sind neuerdings diese Stimmen ausgestellt, die Stellung nehmen gegen Fremdenhass und Rechtsradikalismus. Ich kam mir vor, als wäre ich gerade zufällig unterwegs mit ner ganzen Ladung Binsen, die ich zu den Nordlichtern ins Wattenmeer bringen sollte …

 

„Und? Weiter! Los, erzähl!“ Die Bärchen werden zappelig.

 

Nun ja … ich habe nicht gelogen. Ich habe erzählt, dass wir selber Flüchtlinge aus dem Osten waren und dass mein Vater, als ich fünf Jahre alt war, Flüchtlinge aus Ungarn geholt und in unserer Wohnung untergebracht hatte. Mit denen hatten wir uns dann angefreundet. Das hat mich sehr beeindruckt. Es hat eine starke persönliche Note anklingen lassen, die dazu geführt hat, dass mir Leute aus Ungarn immer noch „irgendwie sympathisch“ sind, auch wenn ich aktuell nur eine Ungarin persönlich kenne, die allerdings Teilzeitberlinerin ist. Außerdem habe ich gesagt, dass Menschen eine serienmäßig eingebaute Hilfsbereitschaft haben. Aber wem sage ich das?

 

 

Nicht erwähnt habe ich, dass man die unterschiedlichen Fälle nicht wirklich vergleichen kann. Da wird fix das Etikett „Flüchtling“ auf einen Container geklebt – und was ist drin? Da sind so viele verschiedene Sachverhalte und so viele verschiedene Menschenschicksale drin, dass uns das Etikett „Flüchtling“ nicht genug über den Inhalt verrät – jedenfalls nicht so viel, wie wir wissen wollen und wissen sollten. Aber muss man das dazusagen?

 

Mir ist inzwischen Griechenland auch irgendwie sympathisch. Mehr als vorher. Als ich das erste Mal auf Kos war, kam mir die Szenerie manchmal gespenstisch vor. Da gab es ein still gelegtes „Top-Marken-Outlet“, das inzwischen selber „out“ war und damit zu sich selbst gefunden hatte. Vielleicht war es gut so. Die Beton-Skelette am Straßenrand ließen nicht so recht erkennen, ob es verlassene Ruinen waren oder Häuser, die nicht fertig gebaut wurden. Sie standen verloren in der Landschaft wie Monumente ohne Vergangenheit und ohne Zukunft und dienten in der Gegenwart als Schattenparkplätze. Auch gut.

 

Ich hatte den Eindruck, dass sich die Griechen irgendwie durchwursteln. Ich weiß nicht, ob die Hilfsbereitschaft, von der ich vorhin berichtet habe, jemals an die große Glocke gehängt wurde. Womöglich gibt es überhaupt keine großen Glocken in Griechenland. Am Straßenrand sieht man gelegentlich kleine Kirchen in der Größe von Vogelkäfigen und von Volieren. In manche von ihnen, die etwas größer sind, würde vielleicht ein Motorrad mit Beiwagen Platz finden. Da gibt es natürlich keine großen Glocken. Nur kleine.

 

Griechenkapelle

 

Inzwischen hat sich auch Käpt’n Blaubär zu Wort gemeldet. In den ‚Mitternachtsspitzen’ des WDR gab es eine neue Blaubär-Folge, bei der die kleinen Bärchen ein funkelndes Dreieck gefunden haben, das aber nicht – wie man denken sollte – ein Zacken aus Neptuns Krone ist, sondern ein Warndreieck, das der Käpt’n einst aufgestellt hat, um vor Pegida und den braunen Sackgesichtern zu warnen – damals, als er auf der Oder mit einer ganzen Ladung Säcke unterwegs war …

 

 

Doch die kleinen Bärchen lassen sich nicht so leicht reinlegen. Sie haben ihre Zweifel. Sowieso. Immer. „Wenn das man nicht gelogen ist“, überlegt das gelbe Bärchen.

 

So ist es: Es sieht zwar aus wie Käpt’n Blaubär, es kommt auch die Formulierung „Beim Klabautermann“ vor, aber es klingt nicht nach Käpt’n Blaubär. Vielmehr wirkte hier der Stimmenimitator und Satiriker Elmar Brandt. Man hört es sofort: Hier spricht nicht „his master’s voice“, die Stimme des Herrn, die Stimme des Bären: Wolfgang Völz. Es ist nicht der richtige Ton. Doch gerade auf den richtigen Ton kommt es an. Wie sagte der Käpt’n einst: „Da war ich doch gerade zufällig unterwegs mit ner ganzen Ladung Hörgeräte …“

 

„Schon gut, Opi“, unterbricht das grüne Bärchen. „Das kannste deinem Friseur erzählen, uns hast du die Geschichte bestimmt schon hundert Mal erzählt.“

 

Der alte Käpt’n kratzt sich verlegen am Kinn. „So, so, hab ich das?“

 

Er ist verwirrt. Es gibt so viele Wiederholungen im Fernsehen, da kann man leicht durcheinanderkommen. Aber soviel ist gewiss: Käpt’n Blaubär vertritt keine Meinungen, er erzählt Geschichten. Und er ist immer noch der beste Geschichtenerzähler auf dem platten Land und auf allen acht Meeren (von dem achten Weltmeer ist leider nur noch ein trauriger Rest übrig). Er besteht ausschließlich „äußerst gefährliche“ Abenteuer – Drunter macht er es nicht! – und wenn er dann zufällig unterwegs ist mit ner ganzen Ladung Maultaschen in Übergröße für die Großmaulfrösche in Kreta, dann stolpert er dabei über seine übergroßen Worte wie ein Clown, der über die Schuhe stolpert, die ihm viel zu groß sind. So wird aus den aufgeblasenen Ballons die Luft rausgelassen.

 

Doch es ist viel heiße Luft im Spiel. Man sollte die Hilfsbereitschaft – wenn es denn stimmt, was ich vorhin gesagt habe, dass sie serienmäßig eingebaut ist – an die kleine Glocke hängen. Denn warum sollte man mit einer Sache auftrumpfen, die für jeden gilt? Warum sollte man sich etwas zugute halten, das selbstverständlich ist? Ich finde Kriege schrecklich. Ich bin gegen Gewalt. Gegen Folter. Gegen Unrecht – Halt, Stopp! Da bin ich nicht sicher. Sind wir da alle einer Meinung? Wenn man gegen Unrecht ist, dann ist man für das Legale (das Rechtmäßige) und gegen das Illegale (das nicht Rechtmäßige) – oder? „No one is illegal“ stand an einer Wand in Kos. Die Schrift wirkte jedoch nicht mehr ganz frisch.

 

Achtung! Ich habe hier ein funkelndes Warndreieck aufgestellt! Bitte, beachten Sie:

Die Hilfsbereitschaft, wie sie die Deutschen aufbringen, darf nicht als vorbehaltlose Zustimmung zur aktuellen Politik missverstanden werden.

Ich kenne das Problem auch von einer anderen Baustelle: Die Liebe eines Mannes zu einer Frau darf nicht als vorbehaltlose Zustimmung zur Gleichstellungspolitik missverstanden werden.

 

Deshalb möchte ich noch mehr dazu sagen. Wie heißt es doch immer? Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Eben. Ich sage also: So wie ich auf der einen Seite für die kleine Glocke bin, wenn es darum geht, sich selbst als gut hinzustellen, so bin ich andererseits gegen die große Glocke, wenn es darum geht, andere schlecht zu machen. Doch was sehe ich? Da ist der Damm gebrochen. Da ist Land unter. Da sind alle Hemmungen überwunden.

 

„Wir alle müssen uns entscheiden, auf welche Seite wir uns stellen wollen. Wollen wir auf der Seite von Mord (!) und Totschlag (!), Hass und Rassismus stehen? Oder stellen wir uns auf die Seite von Menschlichkeit und Mitgefühl? So einfach ist das.“ So fasst es eine der Stimmen des Nordens im Antifa T-Shirt (vermutlich keine Kleiderspende) zusammen. Doch auch das wird man wohl noch sagen dürfen: So einfach ist nicht „das“. So einfach ist „der“.

 

Sicher: Es gibt gewisse Dinge, die man stets aufs Neue sagen sollte; Dinge, die man gar nicht oft genug sagen kann. Deshalb sage ich auch – selbst wenn ich mich wiederhole –, dass ich nicht alle Blaubär-Geschichten geschrieben habe. Wie hieß es doch früher bei uns auf dem platten Land? So blöd kann einer alleine gar nicht sein. Da wirkten viele mit. Ich habe es schon oft gesagt: Zuletzt hier. Da habe ich versucht, alle guten und auch die weniger guten Fragen zu beantworten.

 

Ich kenne nicht einmal alle Lügengeschichten. Ich bin auch nicht mit allem einverstanden, was meine Kollegen, Kumpel und all die Leute, mit denen ich früher mal zusammengearbeitet habe, inzwischen machen. Ich bin übrigens auch nicht mit allem einverstanden, was meine Freunde denken. Umgekehrt erwarte ich von meinen Freunden auch nicht, dass sie mir in allem zustimmen. Wir können aber offen darüber reden. So verstehe ich Freundschaften.

 

Das sehen nicht alle so. Bei facebook stehen Freundschaften neuerdings unter missliebiger Beobachtung. Das ist auch einer der Gründe, warum im Moment so mancher, dem die Daten-Grabbelkiste langsam unheimlich wird, bei facebook wieder aussteigt. Gerade wenn er sich vorstellt, wie da nach belastendem Material gewühlt und nachgeforscht wird, was er jemals gelikt, geliket oder geliked hat und wer seine zahlreichen FreundInnen sind. Nun werden die Freundeslisten ausgemistet. Da wird „entfreundet“. Das klingt wie „entnazifiziert“ – und ist wohl auch so gemeint.

 

Es ist vermutlich eine Nebenwirkung der Willkommenskultur. Die führt nämlich zu einer neuen Engherzigkeit – zero tolerance – gegenüber den alten Freunden, um die neue Weitherzigkeit – no limit tolerance – gegenüber den neuen Fremden auszugleichen. Da gibt es dann keine persönlichen Noten mehr. Da zählt allein die Gruppenzugehörigkeit. Der alte Freund gehört plötzlich in die falsche Gruppe, der neue Fremde dagegen in die richtige. Es ist außerdem ein deutliches Zeichen, das damit gesetzt wird: Wir heißen die Fremden freundschaftlich willkommen, aber unsere Freundschaft ist auch leicht wieder verspielt.

 

Schon beim ersten Beitrag, den ich für die ‚achse’ geschrieben habe, ging das los: Was?! Du bist auf einer Seite mit Henryk Broder?! (gemeint war in dem Fall eine Internetseite, aber das reicht Leuten, die nach Seiten sortieren). Damit war die Freundschaft beendet. Noch schlimmer: Akif Pirincci! Was!? Den kennst du?! (dabei habe ich – ich schwöre – kein einziges von seinen Katzen-Büchern gelesen, aber darum geht es nicht). Schon war ich auf der falschen Seite, im Feindesland. Am schlimmsten: Ich habe auf einer Konferenz zum Thema ‚Familie in Vietnam’ gesprochen.

 

Dabei geht es nicht um mich oder um meine Meinung. Sondern um das Drumherum. Denn einer von denen aus dem Drumherum könnte ja zu dem Drumherum von einem anderen gehören, der wiederum zu dem Drumherum von Leuten gehört, die auf der Seite von Mord, Totschlag, Hass und Rassismus stehen. Im Dunstkreis von diesem Drumherum könnte es sogar Raucher geben. Und das geht gar nicht.

 

Von mir aus ginge das. Freundschaften haben für mich einen Wert, der so groß ist, dass er Unterschiede in den Meinungen zu Politik, Religion oder Philosophie überbrücken kann. Thomas Jefferson sagte es so: „I never considered a difference of opinion in politics, in religion, in philosophy, as cause for withdrawing from a friend.“

 

Erstaunlich, dass sich die kleinen Bärchen noch nicht wieder gemeldet haben. Sind sie etwa beeindruckt, dass so ein Oldtimer wie ich facebook kennt?

 

„Opa, gibt nicht so an“, meint das pinkfarbene Bärchen.

 

„Du willst uns doch nicht weismachen, dass du irgendwas von diesem Thomas Jefferson gelesen und auswendig gelernt hast“, das gelbe Bärchen und schüttelt den Kopf. „Du doch nicht.“

 

„Wahrscheinlich“, sagt das grüne Bärchen, „will uns der Alte gleich erzählen, dass zufällig eines Tages eine Brieftaube in die Kombüse geflattert kam und ihm persönlich den Spruch gebracht hat.“

 

Die Bärchen kichern.

 

Nun ja … Das ist nicht ganz falsch. Der Spruch ist mir tatsächlich eines Tages zufällig zugeflogen. Besser gesagt: Er wurde gepostet. Auf facebook.

 

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